Fachtexte

Die Desaster Kurve - Trauma & Traumaprävention

In der Arbeit mit Trauma begegnet uns natürlich auch immer wieder die Arbeit mit Betroffenen von Katastrophen. So hat auch die aktuelle Flutkatastrophe ein großes Traumapotenzial. In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, die natürlichen emotionalen Reaktionen in den verschiedenen Phasen eines Desasters zu kennen und zu wissen, wie und wo Traumaprävention gut stattfinden kann.

In der Phase der WARNUNG gibt es vielleicht Verunsicherung über die Anzeichen und eine erste spürbare Nervosität. Eine gewisse Alarmbereitschaft ist bereits vorhanden.

Setzt dann die Katastrophe ein, geht es um das pure Überleben. Impulse wie Kampf/Verteidigung und Flucht (Mobilisierung) oder aber Erstarrung (Immobilisierung) sind dabei grundlegende Überlebensreaktionen, die wir  selten bewusst steuern können.

Im Angesicht der Katastrophe greift unser Nervensystem auf uralte Überlebensimpulse zurück

Der Schock sitzt tief in den Knochen – und da muss er im Endeffekt auch wieder raus. Ein Merkmal von Katastrophen ist, dass sie zu heftig und zu schnell über einen Menschen hereinbrechen. Daher bleibt keine Zeit zur Orientierung. Ein Gefühl von Ohnmacht und Orientierungslosigkeit setzt ein.

Sind Kampf/Verteidigung und Flucht aussichtslos, greift der Erstarrungsimpuls. Dann haben wir es mit einer hohen Immobilisierung zu tun, die die darunter liegende Mobilisierungsenergie bremst. Der wirklich kluge “Vorteil” der Erstarrungsreaktion ist, dass wir im Falle des Todes die Schmerzen nicht mehr spüren. So bitter es ist, so genial ist es auch.

PHASE 2: RETTUNG

Verringert sich die Gefahr im Außen, geht mit der Zeit auch der innere Alarm etwas runter, die sympathische Aktivierung lässt etwas nach, die Super-Energie, die in den letzten Tagen zur Verfügung stand, schwindet.

Früher oder später lassen so bei den Menschen die Kräfte nach. Wenn sie in einer halbwegs sicheren Unterkunft sind kann ihr Nervensystem beginnen sich zu regulieren.  Dann kommen die ersten Erschöpfungsanzeichen. All die Emotionen, die während des Überlebenskampfes der vegangenen Tage möglicherweise nicht spürbar waren, kommen nun mit voller Wucht zum Vorschein. Das ist NORMAL und GESUND. Auf diese Weise kann sich die extreme innere Anspannung nach und nach lösen.

An diesem Punkt ist es wichtig, gute Tools an der Hand zu haben, um mit den aufkommenden Emotionen umgehen zu können. Es geht darum, die unangenehmen Zustände nicht zu verdrängen, sich nicht immer abzulenken, nichts wegzureden.

 

PHASE 3: DIE “FLITTERWOCHEN” – DAS UNMÖGLICHE MÖGLICH MACHEN

Mit der ausklingenden Phase der RETTUNG, kommt wieder etwas mehr Sicherheit in das Nervensystem und die Immobilisierung kann nachlassen. Jetzt kann die Mobilisierungsenergie wieder voll zum Einsatz kommen. Es gibt eine Welle der Hilfsbereitschaft und es ist kaum auszuhalten, nicht zu helfen. Mit vereinten Kräften werden Vermisste gesucht (und geborgen), es wird gemeinsam Unmögliches vollbracht. Es werden Held*innen geboren. Die gesellschaftliche Solidarität und Spendenbereitschaft motivieren und machen Hoffnung. Die Presse ist vor Ort, überall wird berichtet, die Politik scheint sich zu bewegen, Zwiste und Unterschiede zwischen den Menschen verschwinden. Die Menschen erleben Gemeinschaft, Kraft und Wirksamkeit.

In der Hochphase, den “FLITTERWOCHEN” entstehen Altruismus, Optimismus und Dankbarkeit. Unmögliches wird und wurde gemeinsam geschafft.

 

Hier beginnt Traumaprävention!

PHASE 4: DESILLUSIONIERUNG

Trotz aller Kraftanstrengungen und Höchstleistungen in den “Flitterwochen” ist die Krise nicht vorbei. In der vierten Phase wird das gesamte Ausmaß der Katastrophe deutlich. Die Hoffnung schwindet: es werden keine Überlebenden mehr gefunden, sondern nur noch Tote geborgen. Die Erfolgserlebnisse bleiben aus. Die Presse widmet sich anderen Themen und das Gemeinschaftsgefühl lässt mehr und mehr nach.

In dieser Phase kann es zu Schuldzuweisungen kommen, zu Fake News, zu spaltenden Verhaltensweisen. Meist sind diese Verhaltensweisen ein Versuch des Nervensystems, sich zu regulieren. Wenn keine adäquate Möglichkeit zur Regulation besteht, muss es irgendwie anders “Dampf ablassen”.

Wenn all die Emotionen und Stresszustände der Desillusionierung nicht ihren Ausdruck finden können, bleibt die damit verbundene Energie im Körper stecken. Das kann zu Traumasymptomen führen.

Weiter unten zeige ich Dir Möglichkeiten, was Du in diesen Momenten tun kannst, um dem, was auftaucht, Raum zu geben. Auch präventiv und auch in kleinen Häppchen. Nicht alles auf einmal, denn das kann manchmal etwas überwältigend sein.

(Dies ist eine Kurzversion)

TRAUMAPRÄVENTION ALS WIRKSAME MASSNAHME

Traumapräventionsmaßnahmen, Übungen zur Förderung der Selbstregulation, seinen Emotionen Ausdruck verleihen – all dies kann den “Absturz” mildern und auch die Recoveryphase, die Erholungsphase, verkürzen.

 

PHASE 5: RECOVERY

Die Recovery-Phase ist geprägt von Triggern, die Erlebtes wieder hochkommen lassen, aber auch von Heilungsprozessen und  Akzeptanz des Geschehenen. An diesem Punkt profitieren Menschen von guter therapeutischer Unterstützung. Die wiederkehrenden Trigger verlieren durch Integrationsprozesse mehr und mehr an Durschlagskraft. Ohne traumapräventive Maßnahmen dauert der Prozess der Integration wesentlich länger als mit entsprechenden Maßnahmen, die bereits von Anfang an nach der Rettung die Selbstregulation des Nervensystems fördern.

Beachte bitte, dass dies eine kurze Erklärung ist und sicherlich nicht alle relevanten Punkte beinhaltet.

Was ist Trauma?

Das Wort Trauma wird mittlerweile in vielen Kontexten benutzt. In meiner Praxis werde ich oft von Klient*innen gefragt: „Ist das jetzt ein Trauma, oder nicht? Bin ich traumatisiert, oder nicht?“. Auf diese Frage kann man meiner Meinung nach letztlich nur selbst antworten. Anders als im Volksmund oft wahrgenommen, ist ein Trauma nicht an einem Ereignis mess- oder skalierbar. Trauma hat keinen Standard. Trauma ist höchst subjektiv: was für Dich traumatisch ist, kann für mich nur eine Herausforderung sein. Denn ein Trauma liegt nicht im Ereignis, sondern in dem, was in Dir und Deinem Nervensystem als Reaktion eines Ereignisses passiert.

Ein Trauma entsteht, wenn ein Erlebnis unser Nervensystem überwältig und wir es nicht verarbeiten können. Wir haben keine Bewältigungsstrategie – wir fühlen uns hilf- und schutzlos, sind in unserem Selbst- und Weltverständnis erschüttert und können der Situation nicht entfliehen.

IN SITUATIONEN MIT TRAUMAPOTENZIAL, GREIFT UNSER NERVENSYSTEM AUF URALTE ÜBERLEBENSSTRATEGIEN ZURÜCK.

Wenn der Stress ansteigt, kommt es zu einer „sympathischen Aktivierung“ unseres Nervensystems. In dieser Phase der „Erregung“ stehen uns die Reaktionen Unterwerfung, Zuflucht, Kampf/Verteidigung oder Flucht zur Verfügung. Das heißt wir versuchen, die Gefahr durch Unterwerfung abzuwenden, suchen Schutz bei einer uns sicher genug erscheinenden Person, kämpfen gegen die Gefahr oder fliehen. Wenn der Stress in unserem Nervensystem noch höher wird, wechseln wir in den Freeze-Modus. Ein Merkmal des Freeze-Zustandes (der auch eher ein Spektrum ist), ist, dass wir weniger oder gar nichts mehr spüren und eben auch bewegungs- und handlungsunfähig(er).

 

WENN DER STRESS IM KÖRPER GEBUNDEN BLEIBT ENTSTEHT TRAUMA

Peter Levine, Begründer von Somatic Experiencing®, der Basis meiner Arbeit, hat sich ausführlich mit eben diesen Reaktionen unseres Nervensystems beschäftigt. Zu Beginn seiner Arbeit hat er vor allem Säugetiere untersucht, deren Nervensystem dem unserem sehr ähnlich ist. In der „freien Wildbahn“ gibt es keine, oder kaum, Traumasymptome – obwohl doch das Leben für viele Tiere geprägt ist vom Jagen und gejagt werden. Also von Situationen mit extrem hohem Traumapotenzial. Ihm ist dabei aufgefallen, dass Tiere, die einen Angriff überleben, immer ähnlich reagieren: Sie zittern, sie schütteln sich, entladen den Stress, rennen, erholen sich und leben weiter. Und das hat seinen Grund. Während der Gefahr gerät der Körper in einen extrem großen Stresszustand mit vielen Stresshormonen und extra Energie, die uns beim Überleben helfen soll. Ist die Gefahr vorbei, muss diese Energie wieder aus dem Körper raus. Entweder durch erfolgreiche Abwehrreaktionen (Kampfreaktionen oder erfolgreiche Flucht) oder eben nach der Gefahr. Diese Stressenergie bleibt so lange im Körper, bis sie einen Ausdruck findet und sich entladen kann. Kann sie das nicht, bleibt die Energie und manchmal auch der Schock im Körper gebunden. Ein Abschluss unseres Impulses, also eine vollständige Integration und Verarbeitung der Überwältigung kann nicht stattfinden – an diesem Punkt beginnen wir von Trauma zu sprechen.

 

ABER: TRAUMA IST NICHT GLEICH TRAUMA.

Es gibt unterschiedliche Arten: Schocktrauma, Entwicklungstrauma, Sekundärtraumatisierung und transgenerationales Trauma. Transgenerationales Trauma und Sekundärtraumatisierung möchte ich hier nur kurz anschneiden. Auf Schock- und Entwicklungstrauma werde ich etwas tiefer eingehen.

TRANSGENERATIONALES TRAUMA

Wenn wir von transgenerationalem Trauma sprechen, meinen wir häufig die epigenetischen Auswirkungen auf unser Nervensystem durch etwas, was unsere Vorfahren erlebt haben. Das bedeutet, dass bestimmte Schalterstellungen von Genen übergeben werden können. Wir haben dann eventuell Symptome, die eher zu der Biographie unserer Großeltern passen würde, als zu unserer. Aber auch wenn wir selber traumatisierte Eltern haben, diese beispielsweise nicht in ihrer vollen Kraft für uns als Kinder da sein können, dann hat das Auswirkung auf unsere eigene Traumageschichte. Wenn beispielsweise ein Elternteil eine Angststörung hat, kann auch Dein Umgang mit Angst davon stark beeinflusst werden. Das Nervensystem eines Kindes lernt vom Nervensystem der Bezugspersonen. Und wenn das Nervensystem Deiner Eltern sehr stark ängstlich, oder sogar panisch, reagiert, dann fürchtest auch Du Dich möglicherweise schneller als andere. Obwohl es eigentlich gar nicht Deine Angst ist, sondern eine übertragene Deiner Bezugspersonen.

SEKUNDÄRTRAUMATISIERUNG

Von Sekundärtraumatisierung sprechen wir, wenn Menschen Traumasymptome entwickeln, nachdem sie zum Beispiel etwas Schlimmes mit angesehen haben. So etwas wie einen Unfall oder die Folgen der Hochwasserkatastrophe, ohne selber in akuter Gefahr gewesen zu sein. Auch Menschen, die viel mit Traumatisierungen arbeiten, können, da sie sich im energetischen Feld von Trauma bewegen, Symptome von Klient*innen „übernehmen“. Auch da sprechen wir von Sekundärtraumatisierung. Viele Helfende in Ersthelfer*innenberufen sind davon betroffen. Sowohl transgenerationales, als auch zu Sekundärtraumatisierungen können die gleichen Symptome auslösen wie Schock- und Entwicklungstrauma.

SCHOCKTRAUMA

Ein Schocktrauma zeichnet sich durch die Gebundenheit an ein Ereignis aus. Das kann ein Unfall, eine Unwetterkatastrophe wie das Hochwasser, oder der Verlust eines geliebten Menschen sein. Es gibt also eine Zeit, einen Beginn und ein Ende des Ereignisses.

ENTWICKLUNGSTRAUMA

Entwicklungstrauma hingegen entsteht nicht durch ein Ereignis, sondern durch wiederkehrende oder langanhaltende Überwältigung des Nervensystems. Wie der Name schon verrät, sind Entwicklungstraumata dabei auf die frühen Lebensjahre zurückzuführen. Wenn Menschen in ihrer Kindheit oder Jugend wiederkehrend oder langanhaltend Missstände, Übergriffe, Vernachlässigung oder Abwesenheit durch Bezugspersonen erleben, werden wichtige Entwicklungsprozesse gestört, oder sogar gehindert. Oft entstehen dadurch Bindungsstörungen und auch wichtige neurologische Verschaltungen können möglicherweise nicht richtig stattfinden. Entwicklungstraumata haben dabei einen großen Einfluss auf die Resilienz eines Menschen und den Umgang mit Schocktrauma, da oft Bewältigungsmechanismen fehlen.

 

DIE FÄDEN UNSERES NERVENSYSTEMS UND WIE TRAUMA DARAUF WIRKT

Wenn du dir dein Nervensystem wie einen Webteppich vorstellst, an dem ein Holzschiffchen die Fäden stetig weiter miteinander verwebt, dann ist Schocktrauma ein gerissener Faden im sonst relativ intakten Teppich. Der Rahmen deines Webteppichs bleibt stabil, Form und Farbe können ebenfalls weiterhin erkennbar bleiben – aber es ist ein kleines, oder auch größeres, Loch in deinem Teppich. Im Gegensatz dazu beeinflusst Entwicklungstrauma die Grundstruktur deines Teppichs. Es zieht sich durch – möglicherweise fehlen lange Fäden und die Struktur deines Teppichs ist weniger stabil. Fehlen Fäden an dem Platz, an den das Schocktrauma fällt, kann der Schaden sehr gravierend sein. Fällt das Schocktrauma auf einen fest verwebten Teppich, dann hat das sehr wahrscheinlich weniger große Auswirkungen. Schocktrauma und Entwicklungstrauma gehen also gerne Hand in Hand und haben eines gemeinsam: Sie sitzen im Körper. In deinem Nervensystem. Und genau über diesen Weg lassen sie sich auch wieder lösen. Für jedes Trauma lassen sich Wege des Umgangs finden – davon bin ich zutiefst überzeugt.