Pausen, Grün, Adrenalin und Cortisol

Ein kleiner Spaziergang im Grünen ist ein großes Geschenk an Körper und Seele.

Habt ihr euch mal gefragt, warum uns bereits kleine Auszeiten in der Natur so guttun? Zu einem großen Teil hängt das mit dem Stresshormon Cortisol zusammen, auf das schon ein 20-minütiger Waldspaziergang einen deutlichen Einfluss hat.

Während Adrenalin eine Halbwertszeit von zwei Minuten hat und nach sieben bis zehn Minuten wieder aus dem Körper verschwunden ist, hält sich das Langzeit-Stresshormon Cortisol hartnäckiger. Es wird ausgeschüttet, wenn die „Bedrohung“ länger als 15 Minuten anhält, und versorgt den Körper mit der nötigen Energie und Leistungsfähigkeit, um diese Situation gut zu meistern.

Stadt, Land, Stress

Und „Bedrohungen“ finden wir ständig im alltäglichen Leben – auf der stark befahrenen Straße etwa, die wir überqueren wollen. Wenn wir dem Stadt-Stress viel ausgesetzt sind, kann sich sogar unsere Gehirnstruktur verändern [1] und uns empfindlicher auf Stress reagieren lassen. Die Zusammenhänge zwischen Großstädten und Stress fasst Mazda Ali, Leiter des Forschungsbereichs affektive Störungen an der Berliner Charité, in seinem Buch „Stress and the city“ zusammen. Und tatsächlich leiden laut ihm Städter sogar öfter an psychischen Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen als Landbewohner. Ein Grund dafür sind die Schnelligkeit, die laute Geräuschkulisse und die vielen kleinen „Bedrohungen“, die unser sympathisches Nervensystem aktivieren. Damit wir gut gewappnet sind diese Situationen zu bewältigen, werden Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet.

Wenn nun die Stress auslösende Situation vorüber ist, unser Körper also nicht mehr auf das Cortisol und die damit verbundene Steigerung der Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit angewiesen ist, um die Straße sicher zu überqueren, dauert es etwa 24 Stunden, bis die erhöhte Menge Cortisol abgebaut ist. Im Gegensatz zu Adrenalin begleiten uns also das Cortisol und die damit einhergehenden Auswirkungen auf unseren Körper viel länger. Das kann beispielsweise auch Schlafstörungen erklären – denn mit erhöhtem Cortisolgehalt im Körper lässt sich kaum Ruhe finden.

Heute schon deine “Naturpille” eingenommen?

Waldspaziergänge – oder einfach nur das Beobachten der Natur von einer Parkbank aus – können dagegen die Zeit des Cortisol-Abbaus deutlich verkürzen. Eine Studie der Universität Michigan, bei der Versuchsteilnehmenden die „Naturpille“ verschrieben wurde, ergab, dass schon 20 Minuten Naturerlebnis genug waren, um den Cortisolspiegel deutlich zu senken.

In Japan ist dies übrigens auch schon in der Allgemeinmedizin angekommen – dort können Ärzte „Shinrin Yoku“ verschreiben, was auf Deutsch so viel wie „ein Bad in der Atmosphäre des Waldes nehmen“ bedeutet.

Natur ist zwar kein Allheilmittel, wirkt sich aber auf vieles sehr positiv aus

Und nicht nur zur Erholung bei Stress, sondern auch bei Depressionen und nach einer Operation können Naturerlebnisse helfen. [2] Roger Ulrich fand schon 1984 heraus, dass Patient*innen, die nach einer Gallenblasen-Operation einen Ausblick ins Grüne hatten, weniger Zeit im Krankenhaus verbrachten, weniger Schmerzmittel benötigten, weniger postoperative Komplikationen hatten und allgemein schneller wieder gesund wurden. Na, wenn das mal kein Grund ist, genau JETZT aus dem Fenster zu schauen! Wenn du das Glück hast, auf ein paar Bäume, eine Wieser oder Büsche schauen zu können, dann lass doch deinen Blick für einen Moment dort verweilen …

Es geht übrigens gar nicht darum, Stress zu eliminieren. Die kurzzeitige Aktivierung unseres Stresssystems ist durchaus sehr wichtig und sogar gesund, weil dann unser Immunsystem angeregt wird. Das richtige Maß an Stress ist Motor für inneres Wachstum und kann uns sogar emotional stärker empfinden lassen. [3]

Eine gesunde Balance ist der Schlüssel zu einem gesunden Leben

Wenn sich Adrenalin und Cortisol auf einem gesunden Level befinden, dann hat unser Körper auch genügend Kapazitäten für „Wartungsarbeiten“ und Zellreparatur, Immunsystemaufbau und Bindegewebsreparatur zur Verfügung. Das sind notwendige Vorgänge, damit wir dauerhaft gesund und resilient bleiben. Das geschieht aber nicht unbedingt von alleine. Dafür braucht es immer wieder bewusste Auszeiten, um in einen regulierteren und somit gesünderen Zustand zu geraten. Mach also mal Pause, gönn dir die „Wartungsarbeiten“ deines Systems bei einem Spaziergang im Grünen und lass es dir gutgehen!


[1] https://www.deutschlandfunkkultur.de/neurowissenschaftler-andreas-meyer-lindenberg-wie-machen.1008.de.html?dram:article_id=408553

[2] https://www.bundesforste.at/uploads/publikationen/WasserWege_Gesundheit.pdf

[3] Tim Hagemann, Arbeitspsychologe der Fachhochschule für Diakonie in Bielefeld
https://www.migros-impuls.ch/de/entspannung/stress/stressmanagement/gesunder-stress

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