Die Desaster Kurve

Viele Helfende befinden sich zurzeit in einer prekären Situation. Der Lockdown, die Pandemie, ist eine Krise. Und in einer Krise gibt es typische emotionale Reaktionen. Gesamtgesellschaftlich kann man bestimmte Phasen beobachten – auch wenn jede Krise natürlich einzigartig ist (die Corona-Pandemie ist ja nun doch eher ein Ausnahmezustand). Und natürlich hat auch jede*r von uns individuelle Bewältigungsstrategien und emotionale Reaktionen. 

Die Desaster Kurve erklärt emotionale Reaktionen innerhalb verschiedener Phasen von einschneidenden Ereignissen wie (Umwelt-) Katastrophen oder die Corona Pandemie.

Wie alles begann: das Pre-Desaster

Erinnerst du dich noch? Vor etwas mehr als einem Jahr gab es die ersten Nachrichten über Corona. Ende Januar gab es den ersten positiven Fall in Deutschland. Zu dem Zeitpunkt war es noch ziemlich ruhig – viele haben sich gedacht: Das hat doch nichts mit mir zu tun. Einige begannen unsicher zu werden. Beides sind typische Reaktionen auf eine „Warnung“ vor einer Krise: Auf der einen Seite das Weghalten, auf der anderen Seite die Unsicherheit. 

Corona is happening – der Schock und die große Desorientierung

Und dann, spätestens als der erste Lockdown diskutiert und schließlich angeordnet wurde, befanden wir uns global in der nächsten Phase: dem Schock. Von einem Tag auf den anderen hat sich unser Leben radikal verändert. Neben einem allgemeinen Schockgefühl reagieren wir in solchen Momenten auch oft mit Verweigerung oder Desorientierung. Ich hatte in meinem Umfeld einige Menschen, die sehr stark in die Verweigerungshaltung gegangen sind, das war wahnsinnig spannend. Das Nicht-anerkennen-Wollen, das Weghalten und Negieren als Schutz- und Bewältigungsmechanismus, habe ich selten so deutlich erkennen können. Als ich damals in die Welt geschaut habe, habe ich oft gedacht: Wow. Irgendwie scheint unsere ganze Basis zu wackeln. Auch das ist typisch. Plötzlich ist alles anders, das Unwissen war (und ist es auch immer noch teilweise) groß – Antworten gab es kaum. Unser Nervensystem ist ständig auf der Suche nach Sicherheit und Orientierung – und genau dort fing es auf einmal an zu wackeln und zu rütteln. 

Toilettenpapier-Hamsterkäufe als ein Beispiel irrationaler Mechanismen unseres Stammhirns.

In solchen Momenten übernehmen „niedere“ Hirnregionen teilweise die Kontrolle – rationales Abwägen und Reflektieren ist in Gefahrensituationen kontraproduktiv. Es werden Mechanismen angestoßen, die unser „Überleben“ sichern sollen. Ein Beispiel dafür waren die Toilettenpapier-Hamsterkäufe. So absurd und irrational das scheinen mag – aus Sicht unseres Stammhirns wurde aus dem Toilettenpapier ein Konstrukt der Sicherheit, des Überlebens. Es gab vielen Menschen ein (trügerisches) Gefühl der Sicherheit.

Wir schaffen das! Über die Flitterwochen einer Krise.

Wenn dieser erste Schock überwunden ist und man sich ein bisschen auf die neue Situation eingelassen hat (das kann manchmal innerhalb von Minuten passieren), dann kommt eine, wie ich finde, sehr bemerkenswerte Phase: die heroische Phase. Erinnerst du dich noch? Noch relativ am Anfang dieser Pandemie ist die Gesellschaft zusammengerückt. Menschen haben auf Balkonen gemeinsam Musik gemacht, es gab wahnsinnig viele Initiativen, um diese Phase gemeinsam zu überstehen. Ich erinnere mich auch noch an die Aushänge in Hausfluren hier in Berlin, auf denen Einkaufshilfen angeboten wurden. Oder Liveübertragungen aus Clubs. 

Es gab ein gemeinschaftliches „Wir schaffen das!“, es gab Gerührtheit über so viel Solidarität. 

All dies lässt sich oft nach einem Desaster finden: Altruismus, Optimismus und Unterstützung. Nach Umweltkatastrophen finde ich das immer besonders auffällig. Da geht manchmal gefühlt ein Ruck durch die Gesellschaft, viele mobilisieren sich und helfen freiwillig. Es wird wie verrückt gespendet, unterstützt und gemeinsam nach Überlebenden gesucht. Die Presse ist da, die Titelseiten sind voll von Berichten und unsere ganze Energie ist auf „Gemeinsam schaffen wir das!“ ausgerichtet. Die Angst und Unsicherheit kreiert Nähe und lässt uns zusammenrücken.

Jetzt geht’s bergab: Willkommen in der Desillusion.

Wenn ein Desaster, so wie die Pandemie, länger anhält, flacht dieser „Honeymoon“ aber schon bald ab. Es gibt eine steile Abwärtskurve, die manchmal ungebremst ins Bodenlose verschwindet. Die Desillusion nimmt den Platz des Optimismus ein. Die Presse widmet sich wieder anderen Themen, es werden nicht mehr so viele Überlebende gefunden, die Verluste werden spürbar. Das hat auch viel mit unserem Nervensystem zu tun: Wenn eine Gefahr ansteht, macht uns das Adrenalin aktiv, fokussiert, konzentriert. Hält der Stress länger an, schaltet unser Körper von Adrenalin auf Cortisol – das Langzeitstresshormon. Wenn es keine Regenerationsfenster gibt, kann das Cortisol unser Gehirn und unseren Körper überfordern – wir steuern in die Desillusion.

Genau dort steht unsere Gesellschaft gerade. Die Pandemie dauert an, dieser zweite Lockdown zehrt an unseren Nerven. Ressourcen und ein absehbares Ende sind nicht wirklich in Sicht. Gerade im helfenden Bereich sind die Zeichen deutlich: Es herrschen große Erschöpfung, Stress, Trauer und Wut. Die Angst kreiert in dieser Phase Trennung. Viele Menschen ziehen sich zurück und isolieren sich. Polarisierungen sind sehr typisch, Fake News wundern hier gar nicht mehr. Es wird nach Antworten und nach Schuldigen gesucht. 

Auf der Suche nach Sicherheit: Unser Nervensystem versucht immer die Gefahr zu erkennen und zu verorten.

Wenn ich jemanden bestimmen kann, der schuldig und verantwortlich ist, dann kann ich die Gefahr lokalisieren. Und genau das ist eine der wichtigsten Aufgaben unseres Nervensystems: Die Gefahr erkennen und verorten. Wenn ich weiß, wo die Gefahr ist, dann weiß ich, in welche Richtung ich „boxen“ muss, um mich zu verteidigen. Dann weiß ich auch, in welche Richtung ich fliehen kann – in Richtung Sicherheit. Ein Virus wie Corona gibt uns diese Orientierung jedoch nicht. Es ist überall und nirgends. Und um zumindest ein wenig das Gefühl von Sicherheit  und Orientierung zu kreieren, greift sich unser Nervensystem oft das erstbeste Ziel, um in Gut und Böse zu unterscheiden. In einem gefühlt lebensbedrohlichen Stresszustand gibt es selten Grautöne. Wenn dich ein Löwe verfolgt, dann ist er nicht „ein bisschen“ gefährlich. Dieses Abwägen und Beurteilen kann das Überleben kosten. Der Löwe kommt und du rennst (oder kämpfst). Punkt. 

Diese Phase der Desillusion holt also ganz alte, gut funktionierende Überlebensimpulse hervor. Was ist deiner? Gehst du in den Kampf-Modus? Benennst du Schuldige? Ziehst du dich zurück und wirst stumm und erstarrt? Oder rennst du weg? 

Wenn diese Abwärtsbewegung nicht aufgefangen wird, dann wird es einen harten Aufprall geben.

Nicht, dass ich hier eine düstere Zukunft voraussagen will, aber in diesem Ausnahmezustand für Helfende sind viele bald an ihrem Limit angekommen.

Viele Menschen funktionieren gerade nur noch. Sie versuchen, mit den noch übrigen Kraftreserven ihre Sache so gut wie möglich zu machen. Und einige sind jetzt schon an ihren körperlichen und emotionalen Grenzen angekommen, brechen zusammen oder ziehen die Reißleine.

Der sogenannte Pflexit – also der Ausstieg vieler Pflegekräfte aus ihrem Beruf, weil die Bedingungen einfach nicht mehr tragbar sind – verzeichnet neue Höchstwerte. 

Spätestens wenn sich die Gesamtsituation wieder entspannt und wir etwas weniger funktionieren müssen, wird sich unser Körper holen, was er braucht. Er wird zusammenbrechen.

Und was passiert, wenn bald Erzieher*innen, Pflegekräfte, Lehrkräfte, Ärzte und Ärztinnen reihenweise ausfallen, weil es einfach nicht mehr weitergeht? Am besten, wir lassen es gar nicht erst so weit kommen! Es gibt Möglichkeiten und noch viele Ressourcen, genau das zu verhindern und aufzufangen. Dafür braucht es vor allem, dass Menschen wieder zusammenkommen und sich in einem sicheren Rahmen immer wieder kleine Zusammenbrüche gönnen. Es braucht diese kleinen Zusammenbrüche. Damit sich unser Körper und unser Nervensystem erholen können. Damit Regeneration und Wartungsarbeit Platz haben. Doch zuerst braucht es unser Bewusstsein dafür.

Wenn wir im Alarmmodus sind, bekommen wir den hohen Aktivierungsstand manchmal gar nicht mit. 

Vielleicht kennst du das, wenn du einen stressigen Tag hattest und abends plötzlich merkst, dass du Kopfschmerzen bekommst? Da hat dein Körper wunderbar funktioniert: Der Schmerz wurde ausgeblendet, solange du in „Alarmbereitschaft“ warst. Und sobald du dich entspannst, sobald du etwas zur Ruhe kommst, wird die Anstrengung plötzlich spürbar. Das sind die Zeichen, die wir lernen müssen wahrzunehmen. 

Wir müssen lernen, auf unsere Körpersignale zu hören, und unserem Körper kleine Zusammenbrüche ermöglichen – vielleicht mit Unterstützung und Polsterung. 

Sonst kommt der große Zusammenbruch, ohne dass wir dann noch etwas abfedern können. Wir haben die Wahl. Jeden Tag aufs Neue. 

Wenn wir uns bewusst darüber werden, wo wir uns gerade in der Desaster-Kurve befinden, dass wir vielleicht gerade ins Bodenlose abrutschen, dann können wir handeln. Dann können wir Sorge dafür tragen, den großen Zusammenbruch abzufedern. Genau das möchten wir als helpers circle – insbesondere in diesen Zeiten. Wir wollen in unserer Community zusammenkommen, der Isolation und der Trennung entgegenwirken. Wir wollen lernen, unsere Körpersignale wahrzunehmen – um dann aktiv und bewusst handeln zu können. Wir wollen die Phase der Desillusion verkürzen und den Weg zur Akzeptanz, Integration und Erholung beschreiten. Bist du mit dabei? Das Jahresprogramm der helpers circle Community beginnt Anfang März – hier kannst du dich noch anmelden. 

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