Was benötigen Helfende, um langfristig gut und gesund helfen zu können?

Die meisten Helfenden mögen ihre Arbeit. Manche lieben sie sogar. Viele haben sich bewusst für diese Art von haupt- oder ehrenamtlicher Tätigkeit entschieden.

Viele sind richtig gut darin. Viele werden jedoch krank. Und können dann keine gute Arbeit mehr leisten.

Manchmal wechseln sie daraufhin den*die Arbeitgeber*in oder den Bereich – in der Hoffnung, dass es dort anders und besser wird. Oft ist das auch erst mal der Fall, da andere, noch nicht verbrauchte Ressourcen benötigt und angesprochen werden.

Doch häufig sind auch diese Ressourcen irgendwann aufgebraucht oder es entwickeln sich andere Symptome.

Die Folgen sind häufig eine hohe Fluktuation, hohe Krankenstände, chronische Krankheiten, Burnout und Arbeitsunfähigkeit. Damit einhergehen Pflegekräftemangel, Lehrkräftemangel, Erzieher*innenmangel …

Die Anzahl der Personen, die auf Unterstützung angewiesen sind, steigt eher, als dass sie sinkt – ganz unabhängig von Corona und dem demografischen Wandel. Dadurch muss die zu verrichtende Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt werden, was den Teufelskreis noch weiter anfeuert.

Es gibt nicht die eine, ideale Lösung für das Problem, aber gar nichts zu tun und der Politik bei der Vergabe des Corona-Bonus an Abgeordnete zuzuschauen, macht eben auch nichts besser.

Es braucht Veränderung an vielen Stellen. Einige davon möchte ich aufzählen – ohne den Anspruch auf Vollständigkeit.

Ich weiß, dass an vielen Stellen bereits eine Menge versucht wird und äußere Grenzen die Handlungsoptionen verringern.

Und trotzdem erlebe ich immer wieder, dass es innerhalb dieser vermeintlich starren Grenzen Spielräume gibt, wenn der Wille nur groß genug ist. Ich erlebe die Ausdehnung von Möglichkeiten.

Das kostet Kraft und Mut, doch meistens lohnt es sich.

Die Risiken für Helfende

Doch zunächst möchte ich über die Risiken berichten, die helfende Tätigkeiten mit sich bringen. Was sind eigentlich die Gründe, warum Helfende krank werden oder keine gute Arbeit leisten können und Fehler machen?


  1. Quantitative Überforderung
    Eine quantitative Überforderung entsteht aus der Menge dessen, was Helfende in einem bestimmten Zeitraum leisten (müssen). Häufig ist es zu viel Arbeit in zu wenig Zeit. Zum Beispiel müssen Pflegekräfte in Krankenhäusern oder Pflegeheimen immer mehr Menschen in immer kürzeren Zeitfenstern versorgen. Es nicht zu tun, ist häufig keine Option, weil sie es nicht mit ungewaschenem Geschirr zu tun haben, dem es nicht wehtut, wenn es eine Nacht ungespült in der Küche steht, sondern mit Menschen, deren Grundversorgung abgedeckt werden muss und deren Leben eventuell von der Hilfe anderer abhängt. Die Arbeit liegen zu lassen, hieße also, einen Menschen leiden zu lassen und unsere humanitären, ethischen und moralischen Werte zu verletzen.

    Quantitative Überforderung zeigt sich zum Beispiel auch bei der Arbeit im Jugendamt. Dort hat sie immer wieder zur Folge, dass Fälle von Kindeswohlgefährdung nicht frühzeitig erkannt werden (können), was manchmal schlimme Konsequenzen hat. Um sich selbst keine Vorwürfe zu machen oder sogar rechtlich zur Verantwortung gezogen zu werden, machen Helfende häufig Überstunden. Sie vereinbaren doch noch einen Notfalltermin an ihrem eigentlich freien Tag oder geben der*dem suizidgefährdeten Jugendlichen ihre private Handynummer, um gegebenenfalls auch am Sonntagabend noch die Katastrophe zu verhindern. Auf Kosten der eigenen Freizeit und Erholung.

    Die Arbeitszeit zu reduzieren, ist für viele Menschen keine Option. In helfenden Berufen wird Arbeit leider nicht annähernd so honoriert, wie es angemessen wäre. Viele Helfende greifen mittlerweile selber zu Psychopharmaka, um durchhalten zu können. Das kann ja nicht die Lösung sein.

    Auch in der ehrenamtlichen Arbeit – und dazu zählt für mich auch das Begleiten von leiblichen oder Pflege- bzw. Adoptivkindern – ist häufig zu viel zu tun. Hier fehlen manchmal Unterstützungssysteme und -strukturen, aber es gibt auch hier wieder das Dilemma zwischen den zur Verfügung stehenden Kapazitäten und den Werten und Ansprüchen an uns selber. Nicht selten kommen moralische Ansprüche von außen hinzu. Dann „verlieren“ Helfende häufig im direkten Vergleich mit Hilfsbedürftigen, denn in der Regel geht es diesen schlechter und sie brauchen die Hilfe dringender. Zumindest suggeriert das die Rollenverteilung.
  2. Qualitative Überforderung
    Eine qualitative Überforderung bedeutet für mich, dass Helfende häufig Situationen ausgesetzt sind, die sie selber überwältigen. Das kann bei Feuerwehreinsätzen der Fall sein, wenn Kolleg*innen ums Leben kommen oder sie selber verletzt werden. Es kann in der humanitären Hilfe eintreten, wenn Helfende mit den Folgen der Katastrophe konfrontiert werden: Leid, Zerstörung, Trauer und Hilflosigkeit. Es kann bei Ersthelfer*innen vorkommen, die einen Menschen nicht erfolgreich reanimieren können oder mit ihrer Suchmannschaft einen Menschen nur noch tot bergen können.

    Alleine durch das Erzähltbekommen und Hören von Fluchtgeschichten können Helfende Traumasymptome entwickeln. In der Arbeit mit Traumatisierten kann es dazu kommen, dass Therapeut*innen oder Dolmetscher allein durch ihre empathische Haltung Traumasymptome übernehmen. Keine andere Berufsgruppe ist so von Sekundärtraumatisierung bedroht wie die Gruppe der Helfenden.

Was hilft den Helfenden?

In meinen Augen tragen verschiedene Bereiche die Verantwortung dafür, dass Helfende langfristig gut und gesund helfen können. Die Arbeitgeber*innen, die für gute Arbeitsbedingungen sorgen müssen. Sie sind häufig auf finanzielle Mittel angewiesen, die der Staat ihnen zur Verfügung stellt – daher ist auch die Politik verantwortlich für die Bedingungen.

Doch auch die Gesellschaft trägt Verantwortung für das Bild der Helfenden. Es gibt Wertschätzung für Helfende, was das symbolische Klatschen zu Beginn der Corona-Zeit und die öffentliche Diskussion zum Pflegekräftemangel zeigen. Doch die Bereitschaft, sich wirklich für die Pflege, für Lehrkräfte, Erzieher*innen, Adoptiv-/Pflege-/Eltern einzusetzen, entsteht meistens erst dann, wenn jemand, der*die einem lieb und teuer ist, keine gute Hilfe erhält. Dann erst wird deutlich, dass die Erwartungen nicht erfüllt werden.

Verantwortung tragen auch die Ausbildungsstätten, die das Fundament für ganze Berufszweige legen und Selbstschutz selten obligatorisch lehren. Und schließlich gibt es auch noch die Eigenverantwortung. Die Verantwortung jedes einzelnen erwachsenen Menschen für sich selbst. Sie mag sich manchmal als schwere Bürde anfühlen, doch mit der richtigen Unterstützung kann der Blick auf die eigenen Möglichkeiten die Chance für eine Verbesserung sein.

Verantwortungsvolle Arbeitgeber*innen

Wer Helfende einstellt, trägt die Verantwortung für seine Arbeitnehmer*innen. Sie besteht darin, Strukturen zu schaffen, die langfristig gutes und gesundes Arbeiten ermöglichen. Dazu braucht es Geld, Zeit und Willen. Einen Willen, der nicht auf profitorientierten Zielvereinbarungen basiert, sondern auf der festen Überzeugung, dass nur so gute und gesunde Arbeit möglich ist.

Arbeitgeber*innen müssen Vorbilder sein – so wie Eltern für ihre Kinder und wie Helfende für ihre Klient*innen. Indem sie gut für sich sorgen, geben sie anderen die offizielle Erlaubnis, es auch tun zu dürfen. Dies erfordert an manchen Stellen andere Qualitäten, als sie Führungskräften im Allgemeinen zugeschrieben werden. Es braucht innere Stabilität, Integrität und Klarheit. Es braucht Mitgefühl, klare Grenzen, Verletzlichkeit und Berührbarkeit. Es braucht Menschlichkeit. Es braucht die Fähigkeit, Schwäche zeigen zu können, ebenso wie die Fähigkeit, Fehler eingestehen zu können. Es braucht die Fähigkeit, auszuhalten, dass manche Situationen nicht gut lösbar sind. Es braucht die Fähigkeit, ein Gefühl des Miteinanders zu kreieren, in dem jede Person in ihren Potenzialen, Talenten, Bedürfnissen und Bedürftigkeiten den gleichen Wert hat. Es braucht ein Klima der Offenheit. Es braucht eine Struktur, in der es ein Schutzsystem für die Helfenden gibt. Wer passt auf wen auf? Wie können quantitative und qualitative Überforderung besser und früher erkannt werden? Was gibt es für Unterstützung?

Es braucht eine faire und angemessene materielle und ideelle Wertschätzung der geleisteten Arbeit. Krankenhäuser mehr und mehr zu privatisieren und damit den wirtschaftlichen Erfolg vor das Erreichen und Erhalten von Gesundheit zu setzen, ist definitiv ein Schritt in die falsche Richtung.

Politische Unterstützung und Gesetze

Die Politik muss die (finanziellen) Räume für Arbeitgeber*innen und Institutionen schaffen. In Deutschland verlassen wir uns jedoch stark auf die ehrenamtliche Arbeit und viele Bereiche werden durch Privatisierung aus der öffentlichen Hand gegeben.

Die gesamte Krisenintervention in Deutschland basiert bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich auf ehrenamtlich arbeitenden Menschen. Sie sind bei der Überbringung von Todesnachrichten dabei, betreuen am Ort eines Unglücks die Überlebenden, stehen Schulkindern beim Verlust von Klassenkamerad*innen bei. Die (internationale) Gesellschaft ist auf die ehrenamtliche Unterstützung angewiesen, um zum Beispiel Menschen, die sich in ein sicheres Land flüchten, menschlich empfangen und versorgen zu können. Trauerbegleitung wird weder von Krankenkassen noch vom Jugendamt bezahlt und ist auf Spenden und ehrenamtliche Arbeit angewiesen. Traumatherapie wird in vielen Fällen auch nicht durch Krankenkassen finanziert (manchmal schon, und das ist prima!).

Dass viele Jahre an guten Arbeitsbedingungen für Menschen in der Pflege gespart wurde, merken wir gerade in der Corona-Zeit ganz intensiv. Doch auch vorher war der Pflegekräftemangel kein neues Phänomen. Sozialen Einrichtungen wird das Geld gekürzt, Krankenkassen zahlen nach Fallzahlen, was häufig Arbeitgeber*innen in die Zwangslage bringt, Helfende mehr und mehr auszubeuten. Wir können nicht warten, bis die Politik sich bewegt.

Gesellschaftliche Anerkennung

„Sie machen aber viel Urlaub“, höre ich manchmal, wenn ich Termine vergebe oder eben keine Termine vergebe, weil ich nicht da bin. Und ich schäme mich nicht dafür. Ich antworte dann, dass ich mich auf meinen Urlaub freue und dass er unter anderem dafür da ist, dass ich meine Arbeit gut machen kann. Damit ich ausgeruht bin, damit ich Freude und Kraft tanke, die ich brauche, um mit meinen Klientinnen schwere Zeiten durchzustehen. Ja, und dann genieße ich meinen Urlaub und denke an keinen einzige*n Klient*in. Anschließend komme ich wieder und freue mich auf jede*n Einzelne*n. Dann bin ich da – mit allem, was ich kann und habe.

Es ist immer noch sehr anerkannt, in der Gesellschaft darüber zu stöhnen, wie viel Stress man gerade hat. Immerhin ist die ein Zeichen dafür, dass jemand gebraucht wird und unverzichtbar ist. Gleichzeitig reden wenige über die Folgen des Stresses wie zum Beispiel Burnout-Anzeichen, Depressionen, Angstzustände, Panikattacken, Schlafstörungen. Anzeichen von Schwäche werden selten nach außen gezeigt. Und nicht selten bekomme ich ein müdes Lächeln, wenn ich sage, dass es mir gutgeht und ich gut für mich sorge.

Es braucht Aufklärung und Mut, darüber zu sprechen, wie es einem geht, dazu zu stehen, dass man für sich sorgt, dass man mal eine Pause braucht oder sich Unterstützung holt. Ja, auch als Helfende*r.

Gute Ausbildung

Viele Ausbildungen sind fachlich gut. Was ich jedoch in manchen Bereichen vermisse, ist das Wissen über die neurobiologischen Zusammenhänge und Wirkungsweisen unseres Nervensystems sowie das Thema Selbstschutz.

Ich habe viel Kontakt zu Studierenden der Sozialen Arbeit und des Lehramtes. In keinem Studium war es obligatorisch, dass sie etwas zu den Themen Selbstregulation und Selbstschutz gelernt haben. Dabei ist das Thema Selbstregulation nicht nur im Zusammenhang mit Trauma wichtig. Auch nicht traumatisierte Menschen haben ein Nervensystem, das sich mehr oder weniger gut selber reguliert. Und gerade in der sozialen und der Care-Arbeit haben Helfende es eher mit nicht so gut regulierten Nervensystemen zu tun. Viele ergreifen eine Hilfsmaßnahme nach der anderen, manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Erfolg.

Wenn man die neurobiologische Funktionsweise des Nervensystems mit seinen Impulsen zum Kampf/Verteidigung, Flucht oder Erstarrung integrieren würde, dann würden sich manchmal viel offensichtlichere Lösungen an der Wurzel packen lassen und weniger Symptomverschiebungen geschehen.

Häufig treffen wir – gerade bei „anstrengenden“ Kindern – auf ein gesundes Verhalten als Reaktion auf eine ungesunde Umgebung. Da dies jedoch manchmal falsch interpretiert wird, wird das Verhalten des Kindes als gestört diagnostiziert und falsch behandelt. Die Ursache besteht oft jedoch weiterhin, sodass das Kind dann andere Bewältigungsstrategien entwickeln muss, um sein Überleben zu sichern. Ein Teufelskreis entsteht. Für uns Helfende bedeutet es wesentlich weniger Kraftanstrengung, mit der Physiologie zu arbeiten, statt gegen sie. Es fehlt also ein ganz entscheidender Baustein in der Basisausbildung vieler Care-Berufe.

Ebensowenig ist das Thema Selbstschutz obligatorisch in den Ausbildungen präsent. Für mich fühlt es sich immer so an, als würde den Studierenden und Auszubildenden Autofahren beigebracht, aber vorenthalten, dass es Momente gibt, in denen man bremsen muss, dass es Bremsen gibt und wie diese Bremsen bedient werden.

Eigenverantwortung

Ein sehr wichtiger Punkt zum Abschluss – vielleicht ist es sogar der Wichtigste: Helfende haben eine Verantwortung für sich selbst.

Viele Menschen geben sich selber nicht den Wert, den sie verdienen, verkaufen sich unter Wert und gehen Arbeitsverhältnisse ein, die ihnen nicht guttun. Oft scheint es keine andere Möglichkeit zu geben, da ein schlecht bezahlter Job mit schlechten Arbeitsbedingungen immer noch besser ist als gar kein Job. Doch auch da gibt es Spielräume.

Angenommen, eine Person würde es einfach nicht als Option sehen, sich unter Wert zu verkaufen, weil sie ihren eigenen Wert kennt und für ihn einsteht. Wozu könnte diese Person in der Lage sein? Wie könnte sie vielleicht ihr Leben verändern und beruflich etwas machen, was sie sich vorher nicht einmal hat vorstellen können?

Manchmal halten wir uns selbst gefangen. Ich sage nicht, dass es immer so ist, auch nicht, dass es immer möglich ist, etwas zu verändern, und schon gar nicht, dass es einfach ist. Aber manchmal ist es eben möglich. Es erfordert Mut und Unterstützung auf einer ganz anderen Ebene. Und genau dort liegt die Chance.

Wenn ich mich dafür entscheide, in meinem Beruf zu bleiben, und davon ausgehen kann, dass sich die äußeren Bedingungen in absehbarer Zeit nicht ausreichend verändern werden, dann kann ich für mich selber schauen, was ich dafür tun kann, dass es mir trotzdem gutgeht – oder zumindest gut genug.
Oft haben wir gelernt, unsere Wutkraft gegen andere zu richten, wenn wir mit Missständen unzufrieden sind. Das ist meistens gut und richtig, denn es hilft uns, uns nicht hilflos zu fühlen. Wenn wir jedoch nicht die gewünschten Veränderungen erzielen können, dann lässt es uns umso hilfloser zurück. Wir dürfen also nicht vergessen, dass es auch möglich ist, diese Kraft für uns einzusetzen. Das ist eine lohnenswerte Option! Sie kann uns aus der Frustration herausbringen. Sie kann uns handlungsfähig machen.

Das zu erkennen, ist manchmal ein großer Schritt. Denn oft fühlt es sich zunächst viel zu anstrengend an und es kommt die Frage auf: „Jetzt soll ich auch noch selber aus dem ganzen Schlamassel rauskommen, obwohl uns doch die Politik hängen lässt?“ Doch die Politik behält weiterhin ihre Verantwortung. Genauso wie die Arbeitgeber*innen, die Gesellschaft und die Ausbildungsstätten. Trotzdem müssen auch wir unseren Teil der Verantwortung übernehmen. Genau an dieser Stelle liegt das Potenzial für uns, unabhängig von allen anderen Beteiligten etwas zu bewirken. Diese Chance klar zu erkennen und sie dann auch zu ergreifen, ist nicht leicht. Es ist unbequem, doch es lohnt sich. Leichter wird es, wenn wir uns zusammentun. Gemeinsam können wir es schaffen.

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