Über unser Nervensystem, wenn wir online sind

Spätestens seit der Netflix-Dokumentation „The Social Dilemma“, in der ehemalige Mitarbeitende von Facebook, Instagram und Co. von den erschreckenden Auswirkungen von Social Media auf den „normalen Nutzer“ oder die „normale Nutzerin“ berichten, ist das Thema in aller Munde. Die Schattenseiten von Social Media – von gesellschaftspolitischen Einflüssen, Begünstigung extremistischer Bewegungen bis hin zu Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit – werden immer mehr ins Licht gerückt. Doch ein Leben ohne Social Media, ohne das Internet scheint in der heutigen Zeit beinahe unmöglich. Daher ist es umso wichtiger, dass wir uns intensiv damit auseinandersetzen. Und dass wir alle einen Weg finden, auf gesunde Art und Weise auf Facebook, Instagram, Twitter und YouTube unterwegs zu sein. Aber weil mit einem „gesund“ eben auch ein „ungesund“ einhergeht und im Bezug auf Social-Media-Nutzung gerade die Bewusstwerdung und ein gewisses Know-how über die Schattenseiten essentiell sind, hier nun erst mal die ungemütlichen Neuigkeiten.

Die Auswirkungen von Social Media auf unser aller Leben lassen sich in zwei grobe Bereiche einteilen: direkte und indirekte Auswirkungen. Indirekte Auswirkungen bekommst du im ersten Moment vielleicht gar nicht mit – ein subtiles Ändern deiner Meinung, erste feine Veränderungen in deinem Verhalten. Und das durch Social Media? Das würde ich doch bemerken, magst du denken. Eben nicht. Here’s why:

Instagram und Co. sind Unternehmen. Unternehmen wollen Geld verdienen. Nun nutzen wir die meisten Social-Media-Kanäle umsonst – es braucht nur eine Anmeldung, und schon kann es losgehen. Woher kommt also das ganze Geld? Meistens durch Werbung. Und je mehr Zeit du auf Facebook verbringst, desto mehr (angepasste) Werbung wirst du sehen und entsprechend mehr wirst du ihr früher oder später verfallen. Das Ziel der Unternehmen ist also, dich so lange wie möglich auf der Plattform zu halten, deine Aufmerksamkeit so lange wie möglich zu fesseln. Und das machen die so gut! Wie lange verbringst du täglich auf Instagram oder Facebook? Wie oft erwischst du dich dabei, wie du schon wieder an deinem Handy hängst? Das passiert nicht, weil du nicht diszipliniert genug oder zu unaufmerksam bist. Es passiert, weil du auf Ebenen angesprochen wirst, die du kaum bewusst steuern kannst.

Wenn das Belohnungssystem auf Hochtouren läuft

Hast du schon einmal vom Belohnungssystem gehört? Das ist ein Schaltkreis in unserem Gehirn, bei dem ein Anreiz von außen (bspw. der Anblick vom Stück Apfelkuchen, den Tante Inge gerade isst), das limbische System reagieren lässt. Es beginnt Dopamin auszuschütten. Dadurch entsteht ein (mehr oder weniger) bewusstes Verlangen und unser Körper bekommt die Anweisung, dieses Verlangen zu stillen. (Dieser Schaltkreis ist übrigens essenziell für Motivation.) Ist das geschehen, werden körpereigene Opiate wie Endorphine ausgeschüttet – und wir sind glücklich. Und genau das passiert auf Social Media in Lichtgeschwindigkeit und ständig. Der Like-Button? Die Push-Benachrichtigung von WhatsApp, dass dir jemand geschrieben hat? Perfekte Möglichkeiten, um an Dopamine und Endorphine zu gelangen. Und kennst du dieses kurze Gefühl von Enttäuschung, wenn du auf dein Handy schaust und nichts angezeigt wird? Auch das ist dem Belohnungssystem zuzuschreiben.

Facebook und Instagram nutzen diesen Effekt auf phänomenale Weise. Du bekommst also Nachrichten über alles Mögliche – dass du auf einem Foto markiert wurdest, Vorschläge von Menschen, die du kennen könntest, ein neuer Like zu deiner letzten Story … Das Phänomenale daran: Diese Dinge werden dir nicht direkt angezeigt, sondern du musst erst draufklicken. Und zack, bist du wieder auf der Plattform gelandet. Dort siehst du dann andere spannende Inhalte, Fotos, Nachrichten, und scrollst gleich noch ein bisschen weiter.

Übrigens braucht es nicht mal das Aufblinken oder Vibrieren deines Smartphones, um dich abzulenken. Eine Studie des Psychologen Adrian F. Ward ergab, dass alleine die Anwesenheit eines Handys die Testergebnisse von den Versuchsteilnehmenden reduzierte. Für Denkprozesse, wie beispielsweise bei solch einem Test, hat unser Arbeitsgedächtnis nur eine begrenzte Kapazität (siehe cognitive load theory), und ein Teil davon wird von deinem Smartphone in Beschlag genommen – alleine dadurch, dass es sich im selben Raum befindet. 

Und haben wir die ganzen superspannenden Nachrichten in deinem Newsfeed erwähnt, die dich dazu bringen, weiter und weiter zu scrollen? Manchmal ist es einfach auch ganz besonders interessant, was du da findest. Das passiert allerdings nicht zufällig. Alles, was dir auf YouTube und Co. angezeigt wird, basiert auf einem Algorithmus, der sich an deinen zuvor gezeigten  Interessen orientiert. Praktisch, magst du dir denken. Schwierig, finden wir. Denn mit der Zeit verschwinden alle vom Gewohnten abweichenden Informationen aus deinem Newsfeed, und es mag der Eindruck entstehen, dass deine Meinung sich mit der Mehrheit deckt und andere Einstellungen kaum existieren  – denn die Welt scheint ja tatsächlich so auszusehen. Und schließlich kann es sogar passieren, dass die vorgeschlagenen Inhalte immer extremer werden. In einem 2018 veröffentlichten Bericht von Facebook wurde deutlich, dass 64 Prozent der Menschen, die extremistischen Gruppen beitraten, dies aufgrund der Algorithmen und vorgeschlagenen Inhalte taten. Ohne es bewusst zu merken! Erschreckend, oder?

Was Melatonin, Adrenalin und Cortisol im Körper machen

So viel also zu den indirekten Auswirkungen. Die direkten Auswirkungen sind vor allem körperlicher Natur und eng verzahnt mit unserem Nervensystem. Vermutlich hast du schon mal irgendwo davon gehört, dass man mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen alle Bildschirme ausschalten sollte. Das Belohnungssystem erklärt zumindest, warum es uns so schwer fällt, das Smartphone beiseite zu legen. Warum dieser Tipp so richtig und wichtig ist, zeigt uns ein Blick in unseren Körper – genauer gesagt ins Nervensystem und unsere Hormone. In diesem Fall dreht es sich vor allem um das Hormon Melatonin. Melatonin ist essenziell für unseren Tag-Nacht-Rhythmus. Wenn es abends dunkel wird, steigt die Melatonin-Produktion in unserem Gehirn und wir werden müde. Wird es morgens langsam hell, reduziert sich der Melatonin-Gehalt und wir wachen auf. Die Information, wann es Zeit ist für die Steigerung der Melatonin-Produktion, kommt unter anderem von Rezeptoren in unseren Augen. Und hier kommt nun unser Smartphone ins Spiel, denn das helle, bläuliche Licht des Bildschirms vermittelt den Eindruck von Tageslicht und hemmt damit die Ausschüttung des Hormons.

Eine Studie amerikanischer Forscher des Lighting Research Center (LRC) vom Rensselaer Polytechnic Institut ergab, dass Bildschirme, die zu hell eingestellt sind, zu Einschlafproblemen und Schlafstörungen führen können. Die Nutzung eines zu hell eingestellten Smartphones zwei Stunden vor dem Schlafengehen kann die Melatonin-Ausschüttung um bis zu 22 Prozent senken. Wenn das mal nicht ein Grund mehr ist, das Smartphone abends beiseite zu legen und lieber nach einem Buch zu greifen …

Neben den Rezeptoren in den Augen, die für die Melatonin-Produktion essenziell sind, sagt unser Blick auf den Bildschirm aber noch viel mehr. Ein großer Teil der Interpretation einer Situation kommt nämlich nicht unbedingt aus dem kognitiven Teil unseres Gehirns, sondern basiert auf Körperinformationen aus beispielsweise Muskeln, Blutdruck oder Hormonen. Das heißt, anhand dieser Körperinformationen, interpretiert unser Gehirn, ob eine Situation beispielsweise sicher oder möglicherweise gefährlich ist. Kennst du das, wenn du vor Schreck in die Luft springst – bereit wegzurennen? Da hat dein Körper reagiert, bevor dein Gehirn überhaupt richtig begriffen hat, was eigentlich los ist. Wenn du nun also fokussiert auf deinen Bildschirm schaust, dein Blick nicht durch die Gegend schweift und deine allgemeinen körperlichen Bewegungen reduziert sind, dann ist die Information an dein Gehirn: Konzentration, Fokus und „anspruchsvolle Situation“. Es gibt „da draußen“ etwas, das unsere Aufmerksamkeit braucht und auf das wir uns konzentrieren müssen. Dafür braucht unser Körper eine sympathische Aktivierung – der Sympathikus ist der Teil unseres Nervensystems, der für Stress verantwortlich ist. Das resultiert schließlich in der Produktion von Adrenalin und mitunter auch Cortisol, denn ohne Adrenalin und eine sympathische Aktivierung können wir kaum mentale und körperliche Leistungen erbringen. 

Als Nebeneffekte (das kennst du vielleicht auch von dem sogenannten Flow-Erleben, wenn du ganz vertieft in eine Tätigkeit bist) geht mit der Konzentration und dem Fokus auch eine eingeschränkte Umgebungswahrnehmung einher, und physiologische Aspekte wie Hunger, Durst oder dass du mal auf die Toilette musst, werden weniger präsent. Adrenalin steigert außerdem unsere Merkfähigkeit und kann zu einem positiven Gefühlskick führen. Eine sympathische Aktivierung und die Ausschüttung von Adrenalin sind also erst mal wichtig und positiv zu betrachten. Schwierig wird es aber dann, wenn die Aktivierung entweder zu hoch ist oder zu lange anhält.

Eine hohe Aktivierung hat zur Folge, dass dein Blutdruck steigt und dein Herz deutlich schneller schlägt – du bist gestresst. Das ist vermutlich an deinem Smartphone oder Laptop eher selten der Fall. Dort geht es vielmehr um die sympathische Aktivierung, die langfristiger anhält. Wenn die Anforderungen an deine Leistungsfähigkeit nicht nachlassen, du über einen längeren Zeitraum konzentriert und fokussiert sein musst oder möchtest, dann ist Adrenalin nicht mehr das adäquate Hormon. Ab diesem Moment, etwa nach 10 bis 15 Minuten, wird von Adrenalin auf Cortisol gewechselt. Cortisol sorgt dafür, dass du für einen langen Zeitraum leistungsfähig bist, stellt dir Energie zur Verfügung und wirkt sogar entzündungshemmend (deswegen wird man oft erst im Urlaub krank – denn da sinkt der Cortisol-Gehalt und Erschöpfungszustände, die vorher gehemmt wurden, treten zutage). Auch das ist also erst mal eine wichtige Funktion – denn wenn du deinen wichtigen Abgabetermin für eine Arbeit hast, dann ist es durchaus sinnvoll, mal zwei Stunden ununterbrochen durchpowern zu können.

Kritisch wird es in dem Moment, in dem sich dieser Zustand über einen langen Zeitraum und immer wieder einstellt – wenn sich der Stress chronifiziert. Dann befindet sich unser Nervensystem in andauernder Alarmbereitschaft, die Melatonin-Produktion wird gehemmt, Bereiche unseres Gehirns, die für Erinnerungs- und Lernprozesse zuständig sind, nehmen Schaden und unser Immunsystem wird in Mitleidenschaft gezogen.

Der bewusste Weg zu einer gesunden Balance

Was heißt das nun für unsere Online-Zeit? Wir sollten uns bewusst sein, dass sich unsere Körperhaltung und die stattfindende Bewegungsreduktion auf unser Nervensystem auswirken. Nur, wenn wir, eine gute Balance finden zwischen sympathischer Aktivierung und Regeneration, ist eine gesunde Regulation unseres Nervensystems möglich.

Wie wir diese Balance herstellen können, erfährst du, begleitet von vielen weiteren Tipps und Tricks für einen gesunden Umgang in der Online-Welt, in unserer neuen Community.
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Dorina Hüser
Dorina Hüser
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