Was ist eigentlich Resilienz?

„Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“ Albert Camus

Der Begriff Resilienz scheint mittlerweile zu einem regelrechten Modewort geworden zu sein. Unternehmen schicken ihre Mitarbeitenden zu Resilienztrainings, Artikel preisen 8 Schritte (oder 9 oder 10) zu mehr Widerstandskraft an, Coaches oder Psycholog*innen versprechen, durch gezielte Übungen die Resilienz zu fördern. Aber was heißt denn nun eigentlich Resilienz? Und vor allem: Was hat Resilienz mit dem Nervensystem zu tun?

Dafür fangen wir erst einmal ganz vorne an. Der Ausdruck „Resilienz“ kommt nämlich ursprünglich aus der Werkstoffkunde und bezeichnet flexible Stoffe, die nach einer Verformung wieder in ihre Ausgangsform zurückkehren – in etwa so wie Gummi. Auf uns als Mensch übertragen wird Resilienz oft als die Widerstandskraft der Seele beschrieben. Die American Psychological Association (APA) beschreibt Resilienz als einen „Prozess der guten Anpassung angesichts von Widrigkeiten, Trauma, Tragödien, Bedrohungen oder anderen wesentlichen Quellen von Stress“.

Fälschlicherweise wird immer wieder das Bild von einem Schutzschild vermittelt, ein Schild, an dem der Stress bei besonders resilienten Menschen einfach so abperlt. Das stimmt so nicht.  Resilient zu sein heißt eben nicht, dass wir uns emotional nicht berühren lassen und einen wahnsinnig kühlen Kopf bewahren. Resilient zu sein heißt vielmehr, dass wir anerkennen, dass wir gerade eine stressige oder harte Phase durchleben. Dabei erkennen wir aber, dass es eben nur eine Phase ist, sehen möglicherweise das kleine Quäntchen des Guten darin und erleben uns vor allem als selbstwirksam. Resilienz ist also kein Zustand und auch keine Persönlichkeitseigenschaft, die sich bis ins Unendliche steigern lässt. Resilienz ist ein aktiver Prozess, bei dem wir adäquat auf die gegebene Situation antworten und entsprechend handeln. Und manchmal heißt „adäquat“ eben auch, wütend zu sein, Überlebensimpulsen zu folgen, „den Tiger zu bekämpfen“ oder aufgeregt zu sein, weil gleich eine wichtige Präsentation ansteht. Wenn wir jetzt wieder das Bild des Gummis nehmen, sind stressige Situationen genau diejenigen, in denen das Gummi unter Spannung steht. Wenn es in diesem Zustand festgehalten wird und nicht dem Impuls folgen kann, zurück in die Ursprungsform zu gehen, dann wird es irgendwann reißen. Und so ist das auch mit der Resilienz. Wenn ich resilient bin, kann ich stressige Situationen reflektiert meistern. Dann bleibt auf neuronaler Ebene das Belohnungssystem aktiv: Ich weiß um den Stress und wofür er gut ist, ohne mir Illusionen zu machen, und bin in der Lage, mich selber zu regulieren, wenn die „Gefahr“ vorüber ist und ich mich sicher genug fühle.

Diese Fähigkeit zur Selbstregulation – die Fähigkeit von einem aufgeregten Zustand wieder in einen ruhigeren Zustand zu gelangen – ist erfahrungsbasiert. Schon früh in unserem Leben werden dafür die Grundbausteine gelegt: Als Kind lernen wir viel über unsere Wirksamkeit in der Welt, unseren Einfluss auf Personen und Situationen. Wenn wir als Kind wenig mit Problemen oder Herausforderungen konfrontiert wurden, wenn unsere Bezugspersonen (meist aus einem beschützenden Impuls heraus) diese aus dem Weg geräumt haben, uns sofort aufgeholfen haben, wenn wir hingefallen sind, und wir so nicht gelernt haben, uns selbst wieder aufzurappeln, dann sind wir möglicherweise auch stressigen Situationen nicht gewachsen. Denn unsere Selbstwirksamkeitserwartung, also die Erwartung, dass ich durch mein Verhalten oder meine Fähigkeiten eine Veränderung herbeiführen kann, hat sich kaum ausbilden können. Dasselbe gilt übrigens auch im umgekehrten Fall: Wenn wir als Kind mit Herausforderungen alleine gelassen wurden, keine oder kaum Unterstützung zur Bewältigung von unseren Bezugspersonen bekommen haben, dann haben wir dadurch möglicherweise gelernt, dass unser Verhalten oder unsere Fähigkeiten nicht das Ergebnis herbeiführen können, das wir uns wünschen. Wir haben also gelernt: „Egal, was ich mache, es wird sich nichts ändern“.

C. G. Jung, Begründer der analytischen Psychologie, hat das einmal schön zusammengefasst:

„Die schlimmsten Konflikte können uns ein unerschütterliches Gefühl von Sicherheit und Ruhe vermitteln, wenn sie überwunden wurden. Gerade solche schweren Konflikte und deren Auswirkungen sind nötig, um wertige und bleibende Ergebnisse zu erzielen.“

Doch wie es in der Psychologie so häufig der Fall ist, ist dieses Thema sehr viel komplexer. Nicht ausschließlich das Gefühl der Selbstwirksamkeit bestimmt, wie resilient ein Mensch ist.

Der Soziologe Antonovsky hat viel zum Thema Stress und Gesundheit geforscht und ein damals revolutionäres Konzept entwickelt, das die Faktoren der Gesundheit (und nicht der Krankheit) in den Vordergrund stellt. Er geht davon aus, dass besonders widerstandsfähige Menschen einen starken Kohärenzsinn haben, der aus drei Grundhaltungen besteht: dem Gefühl der Verstehbarkeit, der Machbarkeit und der Bedeutsamkeit. Machbarkeit ist in diesem Fall gleichzusetzen mit der Selbstwirksamkeitserwartung. Verstehbarkeit ist relativ selbsterklärend und meint die Fähigkeit, ein Problem oder eine Herausforderung mental zu begreifen. Das Gefühl von Bedeutsamkeit ist ebenfalls enorm wichtig, denn ihm liegt ein Sinnerleben zugrunde. Wenn ich etwas nicht für sinnvoll erachte, wenn ich mein Verhalten, mein Tun in der Welt nicht als sinnvoll erfahre, dann werde ich möglicherweise in Krisen oder stressigen Situationen eher resignieren.

Viktor Frankl, ein großartiger Psychiater, der drei Jahre in Konzentrationslagern verbrachte, hat darüber ein ganzes Buch geschrieben. Er fasst das Thema Resilienz in einem Satz zusammen: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ 

Das klingt gut, oder? Gleichzeitig appelliert Frankl immer wieder an den Realismus. Denn keinem menschlichen Dasein bleiben Leid, Stress und Herausforderungen erspart. Wir alle werden früher oder später mit Themen der Vergänglichkeit, der Überforderung und des Schmerzes konfrontiert. Und dann gilt es: die Schwierigkeiten und den Stress der Situation anerkennen und ihm ehrlich begegnen. Loslassen von Optimierungsgedanken zu Erfolg, Stärke und Selbstverwirklichung, von dem Schild, an dem all dies von uns abperlt. Und vielmehr auf Erkundungstour in die eigenen Sinn- und Gestaltungsfreiräume gehen und das individuelle Erleben, Handeln und Helfen auf noch unentdeckte Möglichkeiten lenken. Das Gummi spannen, entspannen und in die verrücktesten Formen bringen. 

Kati Bohnet

Kati Bohnet

Diplom-Mathematikerin, Integrative Gestalt- und Traumatherapeutin (Somatic Experiencing®), Gründerin und Leiterin des Bildungszentrums und Netzwerkes helpers circle
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